Die ganze Geschichte

Laufen ist seit ca. 15 Jahren fixer Bestandteil meiner Freizeit. In der Studienzeit sporadisch, später bisschen häufiger. Meistens aber kürzere Distanzen um die 10km und in recht gemächlichem Tempo. Einfach, um fit zu bleiben und dem Bauch Paroli zu bieten. Über die Jahre steigerten sich die Distanzen und irgendwann manifestierte sich das Ziel, einmal die Halbmarathon-Distanz zu laufen. Einfach nur für mich. Laufwettbewerbe interessierten mich nie. Da geht mir zu viel Zeit für das Rundherum d’rauf und Topleistungen kann ich sowieso nicht bringen. Ich laufe also nur für mich. Der einzige Laufbewerb meines Lebens war bis dato der Donnersbacher Bierkistenlauf. Das war nicht weit zu fahren und ich hatte berechtigte Hoffnungen auf den Sieg 😉 … unser Team hat dann auch einmal gewonnen.

Nach 2,3 gescheiterten Versuchen (schon damals war’s die Hitze) bin ich dann ca. 2015 für mich mal einen Halbmarathon gelaufen. Danach dachte ich nur „Gott, es gibt Deppen, die laufen das jetzt nochmal“… schön, dass ich jetzt auch so ein Depp bin. Das Ganze hat sich dann sehr langsam und kontinuierlich gesteigert, bis ich vor ca. 3 Jahren beschloss: Der Marathon ist auch für meinen Leib möglich. Ich begann, etwas längere Distanzen zu laufen, machte mehrere prof. Leistungsdiagnostiken bei meinem Kumpel Nescha (powerbox.fit) und meldete mich schließlich voll motiviert für den VCM im April 2020 an. Ich investierte in ordentliches Laufgewand und trainierte sehr diszipliniert bei jedem Wetter. Dann kam Corona. VCM 2020 abgesagt. Ticket auf 2021 übertragen. VCM 2021 abgesagt. Ticket in den September verschoben. Im Sommer habe ich irgendwie auf den Marathon vergessen und nicht wirklich darauf hintrainiert. Vier Wochen vor dem VCM wurde mir der Termin wieder bewusst und ich stieg noch schnell vor unserem Portugal Urlaub mit zwei langen Läufen (25 km und 35 km) in meinen Trainingsplan ein. Die Läufe gingen relativ gut und so buchte ich das Quartier in Wien. Irgendwie wird’s schon gehen. Sonst ist’s eine Erfahrung.

Eine Erfahrung war es definitiv. Ich ging sehr nervös, aber fit an den Start. Leider hat sich meine Zeitangabe bei der Anmeldung wohl keine 1,5 Jahre lang im System gehalten und so wurde ich in den „Keine Zeitangabe“ Block ganz nach hinten gereiht. Das machte das Laufen etwas anstrengender, weil ich über 30km langsamere Läufer überholen musste. Das Zickzack hörte einfach nicht auf. Anfängerfehler. Auch mein Frühstück hatte ich komplett vergessen. Da ich normalerweise frühestens um 12:30 das erste Mal etwas esse, musste ich mich vor dem Marathon dazu zwingen, mir ein bisschen war hinunter zu würgen. Gott sei Dank konnte mein treuer Fan Vicky mir eine Banane besorgen und ich schnorrte mir noch eine Scheibe Toastbrot in einem Hotel. Mein mir von Gott gegebener Donnersbacher Saumagen half mir, jede erdenkliche Verpflegung super weg zu stecken. Also Magen/Darm mäßig ging’s mir immer top. Mein großes Problem war die Hitze. Als mein Block um 9:20 auf der Reichsbrücke startete, hatte es vermutlich schon 20 ° . Leider weiß ich mittlerweile, dass mir höhere Temperaturen sehr zusetzen und die heute prognostizierten 26° waren für mich einfach zu viel.

Ich nahm mir vor, mich auf keinem Fall von der Stimmung mitreißen zu lassen und strikt meine Pace von 5:35/km zu laufen und wenn möglich die 160 Puls (entspricht bei mir ca. 85% meines Maximalpulses) erst in der zweiten Hälfte des Laufes zu überschreiten. Naja. Die 160 hatte ich schon nach 3 km, sicherlich auch aufgrund der Aufregung. Schon nach 14 km kletterte mein Puls auf 170. Mir ging’s zwar super, aber ich wusste, dass sich das rächen wird. Zu diesem Zeitpunkt gab ich mein Zeitziel von <4h eigentlich schon auf, um nicht den Hitzetod zu sterben. Ganz losreißen konnte ich mich davon aber doch nicht und so beschloss ich, mich am untersten Ende der 3:59h Zeit (Pace 5:40/km) zu orientieren. Es könnte ja sein, dass am Ende noch genug Kraft da ist, 1-2 Minuten verlorene Zeit rauszuholen. Hier war der Wunsch Vater des Gedanken. Etwas zu denken gaben mir auch die vielen am Seitenrand liegenden Läufer, die bereits von der Rettung erstversorgt wurden. Hitze wohl auch unterschätzt. Da wusste ich noch nicht, dass einer von ihnen seinen letzten Lauf absolvierte. R.I.P. Unterschätzt hatte ich auch die Zeit, die mit Verpflegung und Kühlung (Wasserschläuche neben der Straße) drauf gingen. Aber ohne ständige Wasserzufuhr und Wasserdusche wäre ich glaube ich nicht ins Ziel gekommen. Trotzdem konnte ich bis km 30 eine ordentliche Zeit laufen. Ich glaube, damit wären so ca. 4:04h möglich gewesen. Kurz nach km 30 kam aber die Ernüchterung. Ein erstes prophetisches Stechen in der Muskulatur. Das kannte ich leider schon vom Wings for Life run. Bei km 32 auf der Prater Hauptallee war es dann so weit. Der rechte Oberschenkel machte voll zu und ich ging schreiend, äußerst dramatisch zu Boden. Aufgeben war da aber schon keine Option mehr. Wenn’s sein muss, würde ich auf allen vieren die letzten 10 km machen. Kurz in die Wiese gesetzt, komplett fachfremd und sinnlos an meinem Oberschenkel herumgeknetet. Aufstehen, weiter geht’s. Weg war der Krampf leider nicht, aber mit angepasstem Schritt gings irgendwie weiter. 3km lang. Bei km 35 das selbe im rechten Oberschenkel. Die schlimmsten Krämpfe meines Lebens. Wieder zu Boden. Selbes sinnloses Herumgefummel. Auf. Weiter geht’s. Schritt nochmal angepasst. Jeder Meter ohne Stechen war ein wahrer Genuss. Rund und mich herum ein einziges Lazarett aus versehrten Leidensgenossen. Ich konnte eigentlich nur Lachen über mich und die anderen Idioten. Ich war wirklich gut gelaunt. Die Sonne schien ja 😉 und Vicky gesellte sich ein paar Minuten zu mir auf ein motivierendes Tratscherl. Der Support von Vicky und Thomas tat mir gut. Auch meine Frau Angi hatte ich kurz am Telefon für aufmunternde Worte. Meine Wundwinkel variierten ständig zwischen Lachen und schmerzverzerrtem Beißen. Die Energie war eigentlich kein Problem, der Puls auch wieder OK. Ich konnte ja nicht besonders schnell laufen, ohne wieder voll zu verkrampfen. Ich hatte mal gelesen, dass einen die Zuseher über die letzten 2 km tragen. War nicht so. Meine verkrampften Beine mussten mich tragen und das wurde bis ins Ziel immer schlimmer. Die letzten 500 m waren wirklich grenzwertig. Aber ich blieb im Laufschritt. Z’fleiß.

Am Ende bin ich froh, dass ich den Termin nicht verpasst habe. Es war eine unglaubliche Erfahrung mit vielen Gänsehautmomenten entlang einer traumhaften Kulisse und dem Bewusstsein, was alles möglich ist. Zwei Mal hat er mich im Prater abgeworfen, der 42er. Keine Schande, wenn man wieder aufsteht. Für mich ist damit eines meiner großen sportlichen Träume wahr geworden: Einmal einen Marathon laufen. Die Zeit war dann am Ende eher Nebensache. Ob ich die 4:21h so stehen lassen kann, weiß ich aber noch nicht. Schließlich habe gesehen, was möglich ist. Und im April geht ja Vicky an den Start. Da kann ich sie kaum alleine lassen.

Die Krämpfe kamen dann Gott sei Dank weder bei der Autofahrt nach Hause noch in der Nacht wieder. Der nächste Tag brachte natürlich einen schönen Muskelkater. Geht aber.

Mit Zitaten zum Sinn des Lebens (42) und ähnlichem verschone ich euch. Am Ende möchte ich den Programmierern bei Garmin noch meinen Gruß ausrichten. Dass mir meine Uhr nach 42,195 km sagt, dass mein Trainingszustand „unproduktiv“ sei, fand ich sehr erheiternd 😉